Aikido-Union Deutschland e.V.

Jahressichtmarke

Jahressichtmarke 2009

Vor wenigen Tagen traf die neue Jahressichtmarke bei den Vereinen der AUD ein.
Die Präsidiumsmitglieder haben für 2009 als Motiv „Bambus“ ausgewählt.



Bambus ist eine Grasgattung, die uns mittlerweile auch aus unseren Gärten vertraut ist und deshalb hier nicht näher beschrieben werden muss. Aber doch ein paar Beobachtungen: die gerade wachsenden Pflanzenhorste sind das ganze Jahr über grün und immer in Bewegung mit ihren tausend kleinen Blättern. Mit seiner ganzen Gestalt antwortet Bambus auf die atmosphärischen Bedingungen: er raschelt in der kaum bewegten Luft, er duckt sich unter prasselndem Regen, wird hin und her geworfen von starkem Wind. Selbst bei Sturm gibt es keine abgebrochenen Triebe. Der Winter bedeckt den Bambus bei uns mit Schnee, er beugt sich unter der Last, bis er unter Umständen am Boden liegt. Aber kaum ist der Schnee getaut, richten sich die Bambushalme wieder auf. Aus diesen wenigen Anmerkungen lässt sich die außerordentliche Symbolkraft dieser Pflanze für uns Aikidoka erahnen.

Bambus wird nicht unbedingt mit Deutschland verbunden, auch nicht mit Südfrankreich, Algerien oder dem Amazonasgebiet. Und doch ist er auf beiden Hemisphären heimisch. Ohne ihn ist kein chinesischer oder japanischer Garten zu denken. Seine immergrünen Blätter dienen manchmal als Hintergrund, um anderen Pflanzen Geltung zu verschaffen. Die schönen Haine, oft baumhoch, sind auch um Tempel und Klöster zu finden und regen zur Meditation an. Bambus inspirierte in Japan Maler und Dichter. An dieser Stelle zwei Gedichte in der traditionellen Versform des Haiku:

Wohl fünf- bis sechsmal
Farben mischen
Am Bambusvorhang (Ransetsu, 1654-1707)

Im Sommerregen
So ab und zu beim Bambus
Ein Falter auftaucht. (Chora, 1721-1772)

Die Zellen der Bambushalme enthalten wie Bäume eine große Menge an Lignin und sind entsprechend hart. Einige Bambusarten erreichen riesige Dimensionen. Bambusse gehören für den Menschen zu den nützlichsten Gewächsen und sind in dieser Hinsicht nur mit der Kokospalme vergleichbar. Zum Beispiel können die jungen Schösslinge des Bambusrohrs von uns als Gemüse genossen werden, der Panda-Bär schätzt die Bambusblätter.

Bambus wird in Asien auch als Baustoff genutzt, z. B. für Häuser, Gerüste und Brücken. Ebenso wird er bei der Herstellung von Gebrauchsgegenständen verwendet: u. a. Möbel, Körbe, Hüte, Regenschirmstiele und Reusen. Bambusfaser dient der Papierherstellung.

Für mich als Musiker besonders interessant ist, dass es schon in der alten ägyptischen Hochkultur eine Langflöte aus Bambus gab. Auch die traditionelle Flöte Shakuhachi wird in Japan aus Bambus gefertigt. Sie spielt eine wichtige Rolle in der Kunstpflege der Samurai. In der westlichen Popmusic ist sie in einem berühmten Beispiel zu hören: der Hit „Sledgehammer“ (1986) des Briten Peter Gabriel, Ex-Sänger von Genesis, beginnt mit einem Shakuhachi-Sample. Dieser Sample ist im Mittelteil des Songs noch einmal zu entdecken.

Die älteste Kampfkunst der Samurai ist das Bogenschießen: Kyudo. Die dabei verwendeten asymmetrischen Bögen (Yumi) in ihrer langen und kurzen Form werden in einem komplizierten Verfahren mit Hilfe von Bambus hergestellt. Die dazugehörigen Pfeile (Ya) haben einen Schaft aus Bambus.

Unsere Sichtmarken der letzten drei Jahre vertraten die Elemente Erde, Wasser und Feuer. Innerhalb der taoistischen Fünf-Elemente-Lehre aus China kann Bambus für das Element Holz stehen. Es besitzt die Aktionsqualitäten von Aufbruch und Expansion. Die Liste der Analogien ist praktisch unbegrenzt. Deshalb hier nur ein paar Beispiele, denen Holz zugeordnet werden kann: als Himmelsrichtung der Osten, als Jahreszeit der Frühling, als Tageszeit der Morgen und als Lebensalter Geburt und Wachstum.

Im Abendland ist Holz das Material, das bei Geburt und Tod Zuflucht in Wiege und Sarg gewährt und aus dem auch das Ehebett gebaut wird. In der christlichen Symbolik weist Holz auf den Baum der Erkenntnis im Alten Testament hin und im Neuen Testament auf das Kreuz Jesu.

Ich komme nun auf unser eigentliches Thema „Bambus“ zurück und erläutere einige seiner symbolhaften Bedeutungen. In Japan ist Bambus ein positiv besetzter Begriff: da er sehr gerade wächst und aufgrund seiner frischen grünen Farbe, gilt er als Symbol der Reinheit. Er ist aber auch ein Glückssymbol. Am Jahresende wird auf jeder Seite der Haustür ein Gebinde aus Kiefernzweigen und Bambusrohren aufgestellt, das Glück bringen soll (Kadomatsu).

Für uns Aikidoka kann Bambus ein Sinnbild der eigenen Biegsamkeit sein und auch für die Fähigkeit stehen, sich immer wieder aufrichten zu können. Gleichzeitig symbolisiert Bambus unser inneres Wachstum im Aikido und ebenso das unseres Verbandes.

Für das Trainingsjahr 2009 wünsche ich allen Mitgliedern: möge das Bambusmotiv viel Glück bringen beim Erreichen der angestrebten Ziele. Das soll gelten für alle Wegschülerinnen und -schüler, für alle Meisterinnen und Meister und für das gesamte Leitungsteam der Aikido-Union Deutschland.


Harald Ketzer
Aikido-Club Bergen-Enkheim e.V.

 

Jahressichtmarke 2008

Wie vom Präsidium der AUD entschieden, zeigt die Jahressichtmarke für 2008 das Motiv „Feuerwerk“.

War die letztjährige Sichtmarke vom weiblichen Element Wasser geprägt, so verweist das neue Motiv auf Feuer, das männliche Pendant. Feuer und Wasser gemeinsam sind die beiden großen Prinzipien des Universums, das Aktive und das Passive, der Himmelsvater und die Erdmutter. Diese beiden Elemente liegen im Streit miteinander, sind aber als Wärme und Feuchtigkeit notwendig für alles Leben. Bei vielen Völkern wurde Feuer als etwas Göttliches verehrt: z.B. bei den Babyloniern, den Azteken. Im Abendland liegt uns vielleicht die griechisch-römische Mythologie näher, die das Feuer als Attribut ihren Göttern Hephaistos und Vulcanus gab. Es ist auch ein Symbol der Herdgöttin Hestia/Vesta.

Im Hinduismus gibt es den Feuergott Agni. Den schrecklichen, zerstörerischen Aspekt des Feuers verkörpert die Göttin Kali oder Durga. Der Flammenkreis ihres Gatten Shiva steht für den kosmischen Zyklus von Schöpfung und Zerstörung. Auf dem Archipel von Hawaii scheint Feuergöttin Pele noch heute präsent.

In der Fünf-Elemente-Lehre in China und Japan verbinden sich mit Feuer außerordentlich viele Analogien: u.a. als Farbe Rot, als Himmelsrichtung Süd, als Jahreszeit Sommer, als Tageszeit Mittag, als Form Pyramide und als Gefühl Freude. Dieses Element steht für dynamische Aktion und zeigt das männliche Prinzip Yang.

Im Christentum hat das Feuer zum Teil widersprüchliche symbolische Bedeutungen. Im Alten Testament ist es ein Symbol Jahwes: er offenbart sich Moses in einem brennenden Dornbusch oder zieht in Gestalt einer Feuersäule vor seinem Volk her. Im Neuen Testament gibt es auch die negative Bedeutung des Feuers als Symbol der Hölle. Die römisch-katholische Lehre vom reinigenden Fegefeuer bezeichnet den Zustand der Läuterung des Menschen nach dem Tod. Anders zu verstehen sind die Flammen, die zu Pfingsten auf die Jünger Jesu hernieder gehen – ein Symbol des Heiligen Geistes. Eine Flamme auf dem oder um das Haupt repräsentiert – ähnlich wie der Heiligenschein – göttliche Kraft und den Kopf als den Sitz der lebendigen Seele.

In unserem heutigen Sprachgebrauch verwenden wir noch das Verb „entflammen“ und meinen damit nicht nur „das Feuer zum Brennen bringen“, sondern auch im übertragenen Sinne „Hass oder Liebe entfachen“. Mephisto sagt zu Faust in Goethes gleichnamigem Drama: „Ah bravo! Find ich Euch in Feuer? In kurzer Zeit ist Gretchen Euer.“ Der französische Komponist Hector Berlioz lässt Marguerite in seiner Faust-Vertonung singen: „L´amour – l´ardente flamme ...“ Und dass diese Metapher ihre Berechtigung hat, konnten wir sicherlich alle in unserem Leben am eigenen Leibe erfahren.

Aber es gibt auch die Liebe, das Brennen für ein Thema. Wie schön, wenn Lehrer wie Schüler beim Aikido mit Feuer dabei sind. Dann ist der Funke geflogen und die Dojo-Regel „Sei mit Freude bei der Sache“ erfüllt. „Freude, schöner Götterfunken“ nennt Friedrich Schiller das in seiner berühmten Ode, von Ludwig van Beethoven kongenial vertont.

Den positiven Aspekt des Feuers – nämlich in seiner künstlerischen Ausformung – betont das Motiv der diesjährigen Marke. Feuerwerk diente zwar ursprünglich kriegerischen Zwecken, aber aus dem Gebrauch des Schwarzpulvers entstand eine eigenständige Feuerwerkskunst, die sich von Italien ausgehend in Europa verbreitete. Zur Kunstform wurde Feuerwerk auch in China und Japan weiterentwickelt, die „Blumen aus Feuer“ (jap. Hana-bi) hatten aber religiöse Anlässe.

Wir denken natürlich zuerst an das Silvesterfeuerwerk, das den Beginn eines jeden neuen Jahres einleitet. Als Musiker nenne ich aber auch Georg Friedrich Händels „Music for the Royal Fireworks“, die das barocke Feuerwerk im Londoner Green Park 1749 begleitete – aus Anlass des Friedensschlusses von Aachen. Großartig ist es, wenn Feuerwerk sich im Element Wasser spiegeln kann. Mir unvergesslich das „Redentore“-Fest im sommerlichen Venedig, wo ich das – mit Musik – am Canale della Giudecca erleben durfte. Berühmt sind auch „Rhein in Flammen“ und „Zürich-Fest“ mit Millionen von Zuschauern. Vom deutschen Philosophen Theodor W. Adorno stammt der Satz: „Das Feuerwerk ist die perfekteste Form der Kunst, da sich das Bild im Moment seiner höchsten Vollendung dem Betrachter wieder entzieht.“

Im Aikido hatte ich als Zuschauer bei einem gelungenen Randori – vor allem gegen drei Angreifer – oft die Assoziation mit Feuerwerk. Die Angriffe explodieren gleichsam und verglühen schnell – nach ihrer Umlenkung durch den Nage. Da es sich bei Aikido um eine Kunst der Selbstverteidigung handelt, arbeiten wir jahre-, wenn nicht jahrzehntelang an seiner künstlerischen Ausformung. Der Aikido-Meister ist hochangesehen, genauso wie der Berufsstand des Pyrotechnikers. Denn ein guter Nage muss durch plötzliche Energieentfaltung seine Technik gleichsam auf den Punkt bringen können. Er kann seinen Ki-Fluss lenken und aufgenommene Energie wie ein Feuerwerkskörper explosionsartig freigeben und auf den Angreifer übertragen.

Aus meinen obigen Ausführungen lassen sich drei gute Wünsche für das Jahr 2008 ableiten: mögen alle Aikidoka lodernde Begeisterung für unsere Selbstverteidigungskunst empfinden, ein Feuerwerk an Kreativität soll unseren Übungsleitern gelingen, und unseren ranghöchsten Meistern wünsche ich nie nachlassende Energie bei der Führung unseres Verbandes.

Harald Ketzer
Juka-Club Bergen-Enkheim e.V.




Jahressichtmarke 2007

Wie vom Präsidium der AUD beschlossen, trägt die Jahressichtmarke 2007 das Motiv der Welle.

Das Motiv ist ein Ausschnitt aus dem weltweit bekanntesten japanischen Kunstwerk ,,Die grosse Welle vor Kanagawa" von Katsushika Hokusai (1760 - 1849). Der Künstler hat hier nicht, wie oft angenommen, einen Tsunami dargestellt, sondern ,,Okinami", eine grosse Woge vor der Küste. In seinem Farbholzschnitt zeigt er nicht die naturgetreue Wiedergabe, eher eine starke Stilisierung. Das Werk stammt aus dem Zyklus ,,Ansichten des Berges Fuji", der in 36 Bildern die Landschaften rund um den höchsten Berg Japans einfängt. Der Fuji, der als Motiv die Jahressichtmarke 2006 prägte, ist in der rechten Hälfte des Kunstwerks deutlich zu erkennen. Zum besseren Verständnis sei es hier vollständig wiedergegeben.

Als Kunstdrucke gelangten die Werke von Hokusai im 19. Jahrhundert nach Europa und inspirierten zahlreiche Künstler wie Vincent van Gogh, Paul Gauguin, Egon Schiele und Gustav Klimt. Auch die Plakate des französischen ,,Art Nouveau", die Malerei des Wiener Jugendstils und die vieler Expressionisten wurden durch Stilelemente des japanischen Farbholzschnitts beeinflusst.

Als Musiker möchte ich darauf hinweisen, dass die Begegnung mit diesem Kunstwerk für den französischen Komponisten Claude Debussy sehr bedeutsam war. Er wählte es als Titelbild für eine Druckausgabe seiner Tondichtung ,,La Mer". In diesen drei sinfonischen Skizzen wird nicht das Meer selbst naturalistisch dargestellt, sondern dessen Charakter in seiner Unfasslichkeit sowie seine ungestüme Leidenschaft in Klänge übersetzt. Dem interessierten Hörer empfehle ich insbesondere den Mittelteil des impressionistischen Orchestertriptychons, nämlich ,,Spiel der Wellen". Hier ist dem Komponisten ein sinnliches Klang- und Farbenspiel in Übereinstimmung mit den Geheimnissen der Natur gelungen.

Bei der nachfolgenden Interpretation des Motivs für uns Aikidoka halfen mir wertvolle Anregungen und Hinweise von Meister Rolf Brand. Dafür danke ich ihm an dieser Stelle sehr herzlich.

Bevor ich zur Bedeutung der Welle komme, einige allgemeine Ausführungen zum Wasser. Es ist ein Symbol mit sehr komplexem Hintergrund, von dem ich hier aus Platzgründen nur einige Aspekte anführen kann. Drei Viertel unseres Erdballs sind von Wasser bedeckt. Wasser stellt schon in der griechischen Antike eines der vier Elemente (Feuer, Luft, Wasser, Erde) dar und wird in Ostasien dem weiblichen Prinzip Yin zugeordnet. Es gilt als Ursprung allen Lebens und Sinnbild der Fruchtbarkeit. Doch als potenzielle tödliche Gefahr für Fischer oder Seefahrer (wie in der obigen vollständigen Abbildung ersichtlich) ist Wasser nicht nur Ursprung allen Lebens, sondern gleichzeitig auch eine alles verschlingende Macht. Zerstörerischer Ozean auf der einen Seite, ,,Wasser des Lebens" auf der anderen. Wie wir an der von uns Menschen verursachten Klimaerwärmung sehen können, resultieren aus der Missachtung der natürlichen Harmonie unseres Planeten letztendlich Katastrophen wie zum Beispiel Überschwemmungen und Tsunamis.

Das negative Beispiel ermöglicht mir einen Bezug zu unserem Aikido. Die in der ersten Silbe zum Ausdruck gebrachte Harmonie soll in drei Stufen verwirklicht werden: zunächst in uns selbst als Einheit von Geist, Seele und Körper (Ki-Shin-Tai bzw. Kopf-Herz-Hand), in einer zweiten Stufe zwischenmenschlich, schliesslich als Einklang von Mensch und Umwelt. So ist die Erkenntnis des Aikido-Begründers Morihei Ueshiba zu verstehen, als er sagte: ,,Ich bin mit dem Universum vereint."

Da alle Techniken des Aikido das Prinzip ,,AI" in kodierter Form enthalten, gilt für uns Übende: ,,Technik ist Werkzeug; Harmonie das Ziel" (Rolf Brand). Durch intensives und ausdauerndes Training entfalten sich die positiven Wirkungen. Harmonie wird fest im Unterbewusstsein des Ausübenden verankert und wirkt auf alle seine Lebens- und Wirkungsbereiche. Verglichen mit der Zahl der Aikidoka mag das nur ein kleines Rinnsal sein, aber ich erinnere an den Kreislauf des Wassers: Quellen, Flüsse, Meer, Wolken, Regen usw.. Der Schriftsteller Paulo Coelho schreibt dazu in seinem ,,Handbuch des Kriegers des Lichts": "Ein Fluss passt sich dem Weg an, der möglich ist, vergisst aber nie sein Ziel, das Meer. Zart an der Quelle, schwillt er, durch die Flüsse gespeist, auf die er unterwegs trifft, stetig an. Bis von einem bestimmten Punkt an seine Macht allumfassend ist."

Die ,,fliessenden" Techniken des Aikido haben einen starken und eingängigen Bezug zum Wasser. Wir nehmen die Energie des Angreifers auf, lenken sie um und führen sie auf ihn zurück, einer Welle vergleichbar. Dabei befinden wir uns wie das Wasser in unaufhörlicher Bewegung. Auch für den damit verbundenen Fluss der geistigen Energie (Ki) lässt sich als Bewegungsmuster eine Welle assoziieren. Dies wird in der Aikido-Grundtechnik des Irimi-Nage besonders deutlich. Unter der umkehrenden ,,Wellenbewegung", die der Arm des Nage nach der Aufnahme des Angriffs vollführt, muss der Uke fallen.

Der chinesische Philosoph Laotse formuliert dementsprechend in seinem 78. Wort für das richtige Verhalten des Menschen:

,,Alle Welt weiß:
Schwaches zwingt Starkes,
Weiches zwingt Starres,
doch niemand handelt danach."

Im Jahr 2007 sollten wir uns bemühen, diese Weisheit auf das Aikido und alle damit verbundenen Aktivitäten und Entscheidungen zu übertragen, damit wir im Einklang mit den natürlichen Prinzipien stehen und in allen Bereichen harmonisch wirken und erfolgreich sein können.

Harald Ketzer
SC Steinberg 1953 e.V.




Jahressichtmarke 2006

Als Motiv für die Jahressichtmarke 2006 hat das Präsidium der AUD den Fujiyama ausgesucht.

Der Fujiyama ist nicht nur der höchste Berg (3776m) und das Wahrzeichen Japans, sondern er wird in der Shinto-Religion auch göttlich verehrt. So kann man, besonders im Sommer, neben den vielen Touristen auch Pilgern auf dem Weg zum Gipfel begegnen, wo sich ein Schrein befindet. Der Name existiert in mehreren Schreibweisen und entsprechend unterschiedlichen Bedeutungen, ich zitiere nur die geläufigste: "unvergleichlicher, einzigartiger hoher Berg (jap.: Yama)". Der Fuji gilt als der symmetrischste Kegel der Welt. Wenn er schneebedeckt ist, bietet er vor blauem Himmel einen geradezu magischen Anblick. Die perfekte Schönheit und die spirituelle Bedeutung des Fuji haben über die Jahrhunderte zahllose Künstler zu Gedichten, Gemälden und Geschichten inspiriert.

Auch in anderen Ländern und Kulturen kommt dem jeweils höchsten Berg eine besondere Bedeutung zu. Für unser von Antike, Juden- und Christentum geprägtes Abendland bringe ich einige Beispiele. Auf dem Olympos lebte in der griechischen Mythologie unter der Autorität von Zeus die Götterversammlung. Die Bibel erzählt im Alten Testament davon, dass auf dem Ararat nach der Sintflut die Arche Noahs gelandet sei. Auf dem Sinai offenbart Gott Moses die zehn Gebote. Auch im Neuen Testament finden entscheidende Vorgänge auf Bergen statt: Tabor ist der Ort der Versuchung Christi, auf Golgatha wird er gekreuzigt, vom Ölberg fährt er gen Himmel. Oft finden wir auf Bergen Kultstätten, wie die Klöster auf dem Athos, Monte Cassino und Montserrat.

Aber auch in profaner Weise ziehen hohe Gipfel Bergsteiger und Touristen an. Neben dem Mount Everest, dem höchsten Berg der Erde, nenne ich noch den alpinen Montblanc in Frankreich und die Zugspitze bei uns. Wir können uns nicht mit Reinhold Messner messen, aber viele von uns kennen sicher aus eigenem Erleben die Faszination der Berge, besonders wenn man auf ihrem Gipfel steht. Ein Aikidoka erzählte mir begeistert vom Kilimandscharo in Tansania, ich selbst spürte die magische Wirkung des Haleakala auf der hawaiianischen Insel Maui. Was macht sie aus?

Wir befinden uns dem Himmel näher und blicken auf die Erde. Die archaische Sehnsucht nach Verbindung der beiden erfüllt sich. "Es war, als hätte der Himmel die Erde still geküsst", heißt es in einem Gedicht Joseph von Eichendorffs, von Robert Schumann in einem Klavierlied kongenial vertont. Dem Musikliebhaber empfehle ich noch die "Alpensymphonie" von Richard Strauss, besonders den Abschnitt "Auf dem Gipfel". Musik kann das erhebende Gefühl überhöhen, das wir vielleicht nur diffus verspürt haben, als wir endlich auf dem Bergesgipfel angelangt sind.

Was steckt tiefenpsychologisch dahinter? Es ist die uralte Sehnsucht nach dem Göttlichen, die Absage an irdisches Verlangen und der Aufstieg vom Unvollkommenen und Begrenzten zum Ganzen und Unbegrenzten. "Per aspera ad astra" - durch die Widerwärtigkeiten zu den Sternen, gerade das können wir empfinden, wenn wir uns stundenlang gequält haben, das Gipfelkreuz zu erreichen.

Wenn der Berg Himmel und Erde miteinander verbindet, ist nachvollziehbar, dass er in alten Kulturen ein Symbol für das Weltzentrum, die Weltachse war. Im Hinduismus gibt es Meru, den goldenen Weltenberg, der in der Mitte des Universums steht. Tempel wurden oft in Form von Bergen gebaut, z.B. auf Java und in Peru. Als Traumsymbol steht der Berg für ein Hindernis im Leben, das es zu überwinden gilt - meist eine schwierige Aufgabe.

Nach Erörterung der vielschichtigen allgemeinen Aspekte des neuen Jahresmotivs komme ich zu seiner Bedeutung für Aikido. Die äußeren Konturen des Fujiyama passen perfekt zum japanischen Schriftzeichen der ersten Silbe von Aikido. Seine harmonische Form spiegelt sich im "Ai".

Von der symbolischen Ebene ausgehend können wir eine Verbindung herstellen zu einer unserer Verteidigungstechniken für Fortgeschrittene, dem Tenchi-Nage, den wir auch als Himmel- und Erdewurf bezeichnen. Hierbei nimmt der Nage den Uke mit einem eintretenden oder ergänzenden Sabaki auf und verankert sein Körperzentrum durch eine koordinierte Bewegung. Diese schneidet gegenläufig, indem die eine Schwerthand nach oben zum Himmel (jap.: Ten; chin.: Yang), die andere nach unten zur Erde (jap.: Chi; chin.: Yin) führt. Dadurch wird das Gleichgewicht des Angreifers gebrochen, und er fällt auf den Rücken oder auf die Seite. Die Technik des Tenchi-Nage können wir symbolisch begreifen für die Stellung des Menschen zwischen Mikro- und Makrokosmos, sie ist auch deutbar als Bindung des Menschen an den Himmel (Seele, Geist) und an die Erde (Körper).

In diesem Zusammenhang ist sicher eine Anekdote interessant, die Meister Andr?oquet, 8.Dan Aikido, aus Japan mitbrachte und seinem Schüler Rolf Brand erzählte. Morihei Ueshiba sei einmal zum Erstaunen aller mit der Bibel unterm Arm ins Dojo gekommen. "Ich kenne dieses Buch gut und sehe übereinstimmende Prinzipien", sagte O Sensei und fügte hinzu: "Mein Aikido ist jedoch keine Religion, es könnte aber für alle Religionen nützlich sein."

Das Kreuz interpretierte er sinngemäß so: "Der senkrechte Balken symbolisiert die Verbindung zwischen Himmel und Erde, der waagerechte die Beziehung zwischen den gegensätzlichen und sich doch ergänzenden Prinzipien (Yang und Yin). Der Schnittpunkt beider Balken ist die 'rechte Mitte'. Wegen der durch die äußeren Einflüsse bedingten Wechselwirkungen unterliegt sie jedoch einem stetigen Wandel." Die "rechte Mitte" zu finden und trotz der Veränderungen zu wahren, sei die Aufgabe eines jeden Aikidoka.

Das für die Jahressichtmarke der Aikido-Union Deutschland e.V. gewählte Symbol des Fujiyama könnte die Mitglieder im Jahr 2006 wie folgt inspirieren: "Sei beständig, unerschütterlich und ruhig wie ein Berg; verbinde das Oben mit dem Unten; sei ernsthaft bemüht, deine `rechte Mitte? zu finden und zu bewahren!".

Harald Ketzer
SC Steinberg 1953 e.V.


Jahressichtmarke 2005

Für die Jahressichtmarke 2005 hat das Präsidium der AUD das Rad als Symbol ausgewählt.

Allgemein gesehen bedeutet das Rad Bewegung, es steht für alle zyklischen Prozesse, den menschlichen Lebenslauf, es symbolisiert die Welt oder den Kosmos, aber auch die Weltherrschaft. In vielen Kulturen taucht es auf. Schon in der Steinzeit verkörpert es die Sonne und ihren Weg um die Erde (die Speichen des Rades sind die Sonnenstrahlen). Auch in der Antike wird es so verwandt: das Sonnenrad stellt beispielsweise den Wagen des griechischen Sonnengottes Helios dar. In den asiatischen Religionen spielt das Rad eine besonders wichtige Rolle: im Hinduismus verweist es mit seinen acht Speichen auf die Wagenfahrt des indischen Sonnengottes Surya, es ist Attribut des uralten vedischen Gottes Varuna, des Schöpfers und Erhalters von Himmel und Erde und des Hüters der kosmischen Wahrheit. "Chakra" im Sanskrit kann man mit Rad übersetzen, als Chakras werden unsere Energiezentren bezeichnet, von den sieben Hauptchakras ist der Solarplexus sicher am bekanntesten. Im Buddhismus gilt das Rad als Symbol der von Buddha verkündeten Lehre, es spielt auch als Lebensrad eine wichtige Rolle - das Rad der Wiedergeburten bzw. des Kreislaufs der Existenzen. In der christlichen Kunst versinnbildlicht das Kreuz im Rad (ursprünglich ein Sonnensymbol) den Weltenherrscher Jesus Christus. In der mittelalterlichen Kathedralarchitektur verdeutlicht die mittlere Fensterrose den gesamten Kosmos, ihre Nabe das göttliche Zentrum, um das sich die ganze Welt dreht.

Nicht unterschlagen möchte ich, dass das Rad auch zu einem Symbol der Vergänglichkeit wurde, insbesondere der Vergänglichkeit des Glücks, allein dadurch, dass es sich in beständiger Bewegung befindet. Die Römer ordneten es als Glückszeichen der Göttin Fortuna zu, im Mittelalter betonte es eher die Unbeständigkeit des Glücks. Uns allen ist bei Gewinnspielen das Glücksrad geläufig.

Die in der allgemeinen Erläuterung verwendeten Begriffe wie Bewegung, Energie, Kreis, Drehung, Zentrum, Nabe und Speichen lassen sich direkt auf AIKIDO übertragen. Das japanische Wort "kaiten" - allen bekannt aus unserer Verteidigungstechnik Kaiten-Nage - bedeutet drehen, rotieren, rollen wie ein Rad um seine Achse. Beim Kaiten-Nage führt der Nage den Uke an der Angriffshand (Speiche) auf der durch seine Körperachse (Nabe) zentrierten Kreisbahn. Der bedeutende Aikido-Meister Andr?ocquet, 8. Dan Aikido, hat seinen Schüler Rolf Brand bei der Ausführung des Kaiten-Nage einmal wie folgt korrigiert: "Du musst dort stehen, wo sich die Achse befindet. Wer dieses Zentrum verlässt, wird durch die Speichen des Rades erschlagen!" Dass wir diesen "sicheren Platz" in 2005 immer finden und einnehmen mögen, ist der Wunsch, den wir mit der diesjährigen Marke verbinden können.

Auch im Bereich der Fall-Techniken hat das Bild vom Rad eine wichtige Bedeutung. Wer zum Beispiel Mae-Ukemi geübt hat, weiß, wie sehr die Vorstellung vom Rad beim Erfassen der gewünschten Bewegungsfolge hilft.

Von der eher technischen Ebene komme ich nun zu einigen philologischen Überlegungen. Die zentrale Tätigkeit des Rades ist, wie wir gesehen haben, Bewegung. Das Verb "bewegen" ist transitiv, das heißt, es ist aktiv wie passiv zu verwenden: ich bewege jemanden, ich werde von jemandem bewegt. Es sind also männliches (Yang) wie weibliches Prinzip (Yin) eingeschlossen, die nicht nur im Aikido von größter Bedeutung sind. Das Reflexivpronomen ermöglicht eine weitere Formulierung: nämlich "sich bewegen". Das ist in unserer Budo-Disziplin essentiell.

Damit bin ich auf einer philosophischen Ebene des Aikido angelangt. Auf unserem Do können wir nicht stehen bleiben, wir müssen uns in mehrfachem Sinne des Wortes bewegen, nicht Stillstand ist gefragt, sondern Weiterentwicklung, in technischer wie charakterlicher Hinsicht. Ein weiterer Aspekt erscheint mir wichtig: wir alle kennen das Gefühl, das sich einstellt, wenn eine Bewegungsfolge im Zusammenspiel mit dem Uke harmonisch erscheint, man könnte es Glücksgefühl nennen. In diesem Augenblick haben wir jemanden bewegt und sind gleichzeitig bewegt, das heißt: berührt. Hier erhält "Bewegung" noch eine emotionale Komponente. In sich ruhend wie die Nabe des Rades können wir uns empfinden - als Zentrum der Kraft.

Das Rad besitzt auf einer Metaebene sogar kosmische Bedeutung, wie ich oben ausgeführt habe. Das ergibt für uns: gleichgültig in welcher Position innerhalb seines Kreislaufs wir gerade stehen, aktiv oder passiv, oben oder unten, innen oder außen - wir sind eingebunden in ein großes Ganzes.

Harald Ketzer
SC Steinberg 1953 e.V.


Jahressichtmarke 2004

Bei der am 11. Oktober 2003 in Northeim durchgeführten 2. Hauptversammlung der Aikido-Union Deutschland e.V. hat mich der Vizepräsident (Organisation) gebeten, ein Symbol für die Jahressichtmarke 2004 vorzuschlagen. Spontan fiel mir der Spiegel ein, weil er nach meiner Auffassung unter verschiedenen Aspekten einen Bezug zum Aikido und den Schülern dieses Weges hat.

Nachdem die am Tisch sitzenden Aikidoka keine grundsätzlichen Einwände hatten, wurde der Entwurf (Symbol und Motiv) mit dem Kugelschreiber auf eine Serviette des "Hotels Gesundbrunnen" gezeichnet und an SF Dr. Stephan Gronostay übergeben.

Wie die nachfolgende Abbildung zeigt, hat SF Uwe Peter den Vorschlag wieder einmal sehr professionell und aussagekräftig umgesetzt. Dafür danke ich ihm sehr herzlich.

Nachfolgend möchte ich kurz erklären, worin die Verbindungen zwischen einem Spiegel und dem Aikido unter anderem bestehen können:

In vielen Kulturkreisen gilt der Spiegel als Symbol der (Selbst-)Erkenntnis und des Bewusstseins sowie der Schöpfung, da diese universale bzw. göttliche Gesetzmäßigkeiten reflektiert. Weil ein Spiegel "nicht lügt" und jede Medaille bekanntlich zwei Seiten hat, ist er aber nicht nur ein Synonym für das reine menschliche Herz sowie die damit im Zusammenhang stehende Wahrheit und Klarheit, sondern auch der Selbstgefälligkeit sowie der damit oft verbundenen Rücksichtslosigkeit und Verschlagenheit.

Wegen seiner unterschiedlichen Eigenschaften - aktive Reflektion bzw. passive Abbildung - kann der Spiegel sowohl ein Sonnen-Symbol (Ausdruck des Prinzips "Yang") als auch ein Mond-Symbol (Ausdruck des Prinzips "Yin") sein. Folglich verkörpert der Spiegel im erweiterten Sinne das über dem ausgleichenden Gegensatzpaar von "Yang" und "Yin" stehende "höchste Prinzip", das sich jeder rationalen Beschreibung entzieht.

Weitere Beziehungen zwischen dem Spiegel und den Menschen bzw. ihren Eigenschaften werden in vielen Märchen, Sprichwörtern und Redensarten tiefsinnig und belehrend beschrieben. Aus Platzgründen soll an dieser Stelle darauf nicht näher eingegangen werden.

Beim ernsthaften Studium des Aikido streben wir "ein reines Herz" an und bemühen uns um Wahrheit und Klarheit in Gedanken, Worten und Taten. Da Aikido bekanntlich nur in der Gemeinschaft mit anderen Menschen gelernt und gelehrt werden kann, rufen wir durch die eigenen Aktivitäten bei unseren Partnern positive und negative Reaktionen hervor, die in unterschiedlicher Weise und Intensität "reflektiert" werden.

Im Interesse unserer eigenen Entwicklung sollten wir gern und freimütig in den Spiegel schauen und bemüht sein, die Botschaften zu entschlüsseln, die uns - oft wortlos oder wohlwollend verschleiert - von unseren Mitmenschen übermittelt werden.

Aikido ist in besonderer Weise geeignet, den ernsthaften und ausdauernden Wegschüler von den Zwängen des "Ego" zu befreien. Dadurch wird ihm die Möglichkeit zur vollen Nutzung seiner Möglichkeiten sowie zur selbstbestimmten, furchtlosen und erfolgreichen Gestaltung seines Lebens gegeben.

Der wahre Meister des Aikido wird es insbesondere vermeiden, eigene Probleme auf andere Menschen zu transformieren oder deren Verdienste zu schmälern, indem er sie wissentlich in Abrede stellt oder schamlos für seine Zwecke missbraucht.

Wenn es stimmt, dass Aikido im Sinne meiner Ausführungen ein Spiegel ist, vollzieht sich die Entwicklung der Wegschüler in den folgenden drei Stufen:

  1. Bereitschaft zum Einblick!
  2. Mut zur Selbsterkenntnis!
  3. Freiheit und Kraft zum Wandel!

Der Erfolg ist jedoch keine Funktion des Aikido-Grades, sondern der Intensität, Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit der Bemühungen bei der Suche nach Wahrheit und Klarheit.

Wir sollten alle hoffen und wünschen, dass die Lehrer und Weggefährten unser eigenes Verhalten immer klar und deutlich reflektieren, damit die Selbsterkenntnis und der darauf basierende Wandel in Übereinstimmung mit den Prinzipien des harmonischen Weges möglich sind - Stufe um Stufe.

Rolf B r a n d
8. Dan Aikido
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